Die unfreiwillige Eremitin – eine Leseprobe

von Maika Adam

Da ist die Bushaltestelle. Endlich. Ein einsamer Unterstand aus Metall und Glas an einer gerade von niemandem befahrenen Landstraße. Der eigentlich trostlose Metallgitter-Sitz, dessen Lack abblättert, wirkt mehr als einladend. Ich lasse mich auf ihn fallen, befreie meine Schultern von den Riemen, zerre und schiebe den schweren Rucksack so hin, dass er am Boden steht und sich neben mir an die Glaswand lehnt. Was für ein Gewicht! Kein Wunder, im Backpacker-Rucksack ist alles drin, was ich für zwei Wochen Selbstversorger-Einsamkeit gebraucht habe. Da haben sich ein paar Kilo angesammelt, die ich gerade eine knappe Stunde durch den Wald und die wenigen Meter durch Unter-Nodenbach getragen habe. Unter-Nodenbach ist ein Ortsteil, in dem sich allenfalls zwanzig Häuser an einer Straße ohne Gehweg aufreihen wie eine Tropfenspur, die eine löchrige Wasserflasche beim Spazierengehen hinterlässt: mal rechts ein Haus, mal links eines, an das sich ein Gartengrundstück anschließt, dann eines ein wenig nach hinten versetzt und so weiter.
Ich schaue von meinem Platz an der Landstraße auf Unter-Nodenbach zurück. Menschenleer ist es da heute. Niemanden habe ich gesehen. Schon auf dem Hinweg hatte ich in der kleinen Ansiedlung samt den Wiesen und Weiden drumherum mehr Pferde als Leute ausgemacht. Doch nun an einem Samstag zur Mittagszeit ist alles wie ausgestorben. Oder habe ich mich durch die letzten zwei Wochen so an das Alleinsein gewöhnt, dass ich niemanden mehr wahrnehme?
Öko-Eremiten-Hütte: So lautet der Name meines Urlaubsdomizils. Gefunden nicht auf Airbnb, sondern im BUND-Heftchen bei den Kleinanzeigen. »Wer will allein unter ressourcenschonenden Bedingungen Wald und Zivilisationsferne genießen?« Damit wird das beworben. Ich war verrückt oder krank genug, um mich darauf einzulassen. Das Alleinsein erschien mir als das Allheilmittel. Nur ich – und drumherum Natur. Das Ganze in Öko. Strom gibt es nur morgens von acht bis neun Uhr und nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr. WLan? Nein. Fließendes Wasser? Nein, dafür Quellwasser, das in einen Holztrog plätschert. Kühlschrank? Nein. Die Frage nach Fernseher, Spülmaschine, warmer Dusche und Föhn erspare ich mir. Allerdings beherbergt die Hütte eine edel aussehende Kaffeemaschine – die ich als Teetrinkerin nicht genutzt habe. Der Öko-Vermieter-Eremit ist wohl Kaffee-Fan, deshalb die ausgewählten Zeiten, zu denen der Schaltschrank Elektrizität liefert. Soweit ich etwas davon verstehe, ist das absichtlich auf diese drei Stunden am Tag reduziert. Wenn man den Zwischenschalter oder was auch immer da eingebaut worden ist, wegnähme, wäre der Strom ebenfalls in der restlichen Zeit verfügbar.
Es ist Samstag, der 25. September: mein Abreisetag. Am 11. September bin ich hier ausgestiegen. Mein Blick fällt auf das gegenüberliegende Wartehäuschen. Laub sammelt sich in seinen Ecken: manches davon schon trocken und zusammengefallen. Wie war das vor 14 Tagen gewesen?

*

Ich steige aus dem Bus. Der Wind weht rote und gelbe Blätter herbei, die von den Büschen um die Bushaltestelle herabsegeln. Eine farbenprächtige Augenweide – ohne braune Flecken, die das nahende Verrotten ankündigen. Haben sie das gemein mit mir? Für mein Alter sehe ich frisch aus. Oft höre ich das. Doch in mir ist das Vergehen angelegt. Wie zur Bestätigung steigt der Druck im rechten Ohr. Oder liegt das an der Höhe? Ja, davon will ich ausgehen. Der Bus hat mich seit dem letzten richtigen Ort mit Sparkasse, Bäckerei und von der Hauptstraße abgehenden Seitenstraßen durch eine wellige, dabei immer ansteigende Wald- und Wiesenlandschaft gefahren. Die schmale, sich schlängelnde Straße hat bezaubernde Ausblicke geliefert, als wollte sie mir beweisen, dass mein mutig ausgesuchtes Urlaubsziel das richtige ist.
Wie hoch bin ich? 200 oder 300 Höhenmeter mehr als der letzte Ort bietet die Straße an der Haltestelle sicherlich auf. Ein Hochplateau, das wellig ausfällt und um sich herum noch höher liegende Stellen zulässt. Ich muss zum Glück nicht weitere Höhenmeter zu Fuß absolvieren, also weder nach Ober-Nodenbach noch zu dem Hügel hinter der Pferdeweide, sondern durch Unter-Nodenbach in den Wald hinein. Werde ich mit Wegbeschreibung und Karte die Öko-Eremiten-Hütte finden? Der Vermieter hat geschrieben, es stehe nicht gut um mobiles Internet. Hier oben gebe es nur an wenigen Stellen Empfang.
Ich justiere die Rucksackriemen und stiefele los. Hole ich gleich heute noch den Laptop heraus? Oder kundschafte ich zuerst die Umgebung um die Hütte aus? Als Hobby-Autorin arbeite ich an meinen Texten, sobald eine freie Minute in Sicht ist. In den letzten Wochen war allerdings mehr das Überarbeiten als das Schaffen von neuen Passagen angesagt. Viele denken, dass sich die Schriftstellerinnen dieser Welt locker an den Computer setzen, der Kreativität freien Lauf lassen, das Ganze danach einmal lesen und es anschließend veröffentlichen. Keinesfalls! Bei mir nicht und ebenso wenig bei den Profis. Die Überarbeitung nimmt mehr Zeit in Anspruch als der kreative Teil. Wie oft ich die eigenen Texte lese! Ungezählte Wörter oder ganze Absätze streiche ich. Lange denke ich darüber nach, wo genau das Absatzzeichen hingehört und ob man einen Ausdruck anders verstehen könnte, als ich ihn meine.
In den kommenden zwei Wochen soll Neues entstehen. Die Kreativität darf aus mir herausfließen – und darüber will ich die Diagnose, die mich aus der Bahn geworfen hat, vergessen. Ich werde vier oder fünf Stunden am Tag schreiben, dabei die Stromzeiten nutzen, danach den Akku des Laptops und schließlich die Powerbank, die ich mir von einem meiner Söhne geliehen habe.
Meine Söhne. Ich muss schmunzeln, obwohl der Rucksack schwer an mir zieht. Sie halten die geplanten zwei Wochen Einsamkeit für verrückt. Niemals würden sie das tun wollen, lieber mit Freunden chillen oder, besser, die aktuellen Games und technischen Geräte ausprobieren. Manchmal sind sie mir zu viel mit ihrem Gerede über die neusten IT-Entwicklungen, das beste Handy, die coolste App. Mit ihrem »Ich-bin-jung-und-mir-gehört-die-Welt«-Denken. Oder damit, dass sie ihre Freundinnen, wenn es denn welche gibt, nicht an mich heranlassen. Ich wäre die beste Schwiegermutter aller Zeiten! Wie gerne würde ich mit einer jungen Frau, die zu mir gehört und nicht nur eine zufällige Bekanntschaft ist, im Café sitzen, spazieren gehen oder über ein Wochenende verreisen. Ich habe drei Söhne großgezogen, zudem habe ich einen Mann, der bei der Polizei als Hubschrauberpilot arbeitet. Mehr Weiblichkeit um mich herum täte mir gut.
Der Weg führt an einzeln stehenden Häusern vorbei. Das große Gebäude auf der rechten Seite kenne ich: das Wanderheim des Odenwaldclubs. In ihm habe ich vor Jahren meinen 50. Geburtstag mit Freunden und Familie begangen. Jetzt feiert dort niemand. Ebenso wenig ist eine Wandergruppe zugegen. Kein Auto steht auf dem Parkplatz und die Fensterläden sind geschlossen. Hinter dem Wanderheim grasen Pferde. Sind es dieselben Tiere wie damals, als ich mit Übernachtung, Spaziergängen und einem wunderschönen Partyabend gefeiert habe? Meine Söhne haben ihnen aus dem Fenster zugerufen, sogar Äpfel hingehalten, doch die Pferde hat das nicht vom Grasen abgebracht.
Ich laufe an Wohnhäusern vorbei. Manche sehen aus, als stünden sie schon seit Jahrhunderten hier, andere sind sichtlich neu. In einem Garten arbeitet eine Frau, die mich nicht sieht. Vor manchem Haus stehen Autos. Aus einem Fenster dringt Musik, aber auf der Straße, die ich mangels Gehweg nutze, kommt mir niemand entgegen. Wenige Meter darauf endet sie und mündet in einen Waldweg – genau wie der Hütten-Vermieter es mir geschrieben hat. Der neue Weg empfängt mich mit weicherem Boden. Laub segelt herab, eine Amsel singt so laut, als wäre sie im Wettbewerb mit der Motorsäge, die man von der Ferne hört. Der Rucksack wird schwerer. Ich zurre den Beckengurt fester.
Ab morgen werde ich ohne Gepäcklast spazieren oder wandern, dabei die Natur im Wald erkunden. Ansonsten ist das Ziel der zwei Wochen klar: Das eigene Ich suchen. Wird es mir beantworten, warum ausgerechnet in mir Tumorzellen wachsen?
Falls dann noch Zeit bleiben sollte, werde ich lesen. Heute Morgen habe ich zu einem Buch gegriffen. Eigentlich wollte ich keines mitnehmen, schon gar keinen Roman, der mich wieder einmal von mir und meinem Leben ablenken könnte. Wie schnell driftet man in eine andere Welt ab, träumt sich in fremde Charaktere hinein oder – schlimmer – ärgert sich über miserabel geschriebene Passagen. Doch zwei Wochen allein, ohne jegliche Lektüre? Hin- und hergerissen habe ich zu einem kleinen Band gegriffen, der kein Roman ist. »Frauenkräuter« ist der Titel des Buchs, das seit Jahren in meinem Regal steht.
Warum habe ich es herausgezogen? Vielleicht wegen der Kräuterwanderung, die ich vor wenigen Monaten mitgemacht habe. Leslie, die Kräuterfrau, ist mit den paar Leuten, die angemeldet waren, einen Weg am Waldrand entlanggelaufen. Sie konnte von jedem Grünzeug, das dort wuchs und ich bis dahin als Unkraut bezeichnet hätte, sagen, wie es heißt, was man davon essen kann und wofür es gut ist. Unvorstellbar! Danach habe ich mir die von ihr empfohlene App heruntergeladen: Flora Incognita. Ja, auch ich begeistere mich für manche App! Seitdem gehe ich von Kraut zu Busch zu Baum und finde heraus, wie die Pflanze heißt und wofür sie nützlich ist.
Vermutlich deshalb wurde das einzige Buch über Kräuter, das mein Regal hergab, dazu auserkoren, mitzukommen. Obwohl mir unbekannte Gewächse am Wegesrand zu sehen sind, nutze ich nun weder das Buch noch die App. Ich werde nicht mit dem schweren Rucksack unnötig herumstehen. Vielleicht wenn eine Bank auftaucht …

*

Wo nur bleibt der Bus? 13.23 Uhr: Das sollte die Abfahrtszeit des Busses sein. Mein Handy zeigt mit seinen letzten Akkuprozenten 14 Uhr. Es kommt überhaupt kein Fahrzeug die Straße entlang: weder in die eine noch in die andere Richtung. Das Einzige, das sich bewegt, ist Laub auf dem Asphalt, das ein gelegentlicher Windstoß weitertrudeln lässt.
Werden jemals Pläne für Urlaube genauso umgesetzt, wie man sie ersinnt? Oder kommt es auch in normalen Ferien zu Änderungen? In den ersten Tagen bin ich immer nach Ober-Nodenbach gewandert: auf die hoch gelegene Straße am Waldrand, von der man bis nach Frankfurt schauen kann. Ein toller Blick. Ehrlicherweise ist es mir nicht um die Aussicht gegangen, sondern um das Netz. Dort hatte mein Handy Empfang, da habe ich Mails gelesen, Textnachrichten abgerufen, auf die Tagesschau-App und auf Flora Incognita geguckt.
Daher habe ich die Stromzeiten und das eine Ladekabel, das ich dabeihabe, ebenfalls zum Laden des Handys genutzt. Der Akku am Laptop erwies sich als altersschwach, aber die Powerbank hat das ausgeglichen. Letztlich habe ich eher zwei bis drei Stunden pro Tag geschrieben. Nur gestern hat das nicht geklappt. Der Strom kam nicht mehr. Vermutlich ist irgendetwas an dem Schaltschrank defekt. Zu blöd, dass ich von solchen Sachen keine Ahnung habe.
Viel Zeit war dem gegönnt, was das Frauenkräuter-Buch geraten hat: »Wir müssen Verbindung aufnehmen zu unserem Körper.« Die Autorin schreibt, dass viele Frauen das eigene Aussehen nicht mögen, weil es nicht dem entspricht, was in der Werbung gezeigt wird. Da habe ich mich ertappt gefühlt. Zuneigung zu sich selbst kann man nicht erzwingen, doch dem eigenen Körper Achtung zu zollen, ist erlernbar. Mich darin zu üben: Dafür habe ich mir Zeit genommen. Das geht unter, wenn man in einer männlich geprägten Familie lebt. Die Lektüre des kleinen Bands hat einen Wunsch ausbrechen lassen wie einen Vulkan, aus dem unerwartet Lava schleudert, nämlich, in mich hineinzufühlen und mich als Frau wahrzunehmen. Einen herzlichen Dank an die Autorin, die in Österreich einen Kräuterladen führt. Vielleicht bringt mich mein nächster Urlaub dorthin?
Warum ist es so ruhig hier? Außer den grasenden Pferden schräg gegenüber hinter dem Wanderheim ist keine Seele auszumachen. Wo bleibt der Bus? Der Metallgittersitz, der mir vorhin einladend erschien, erweist sich als unbequem.
Ich ziehe das »Frauenkräuter«-Buch heraus und prüfe, ob ich das »Herbarium« inzwischen beherrsche. Damit habe ich mich an den Abenden beschäftigt, solange die Solarlampe Licht von sich gegeben hat. Die Autorin hat eine Auflistung von wichtigen Kräutern erstellt und allerlei Informationen hineingepackt. Das habe ich mir einverleibt, wie andere Leute Vokabeln lernen.
15.36 Uhr zeigt mein Handy an, wobei der Ladebalken rot blinkt. Der Hintern tut weh, als hätte sich das kleinkarierte Muster des Sitzes wie ein Mal ins Fleisch eingeprägt. Ich würde sogar ein Auto anhalten und mit jemand Fremdem mitfahren. Allerdings: weder ein Auto noch der Bus kommen. Nach 13.23 Uhr planmäßiger Abfahrtszeit fährt samstags kein weiterer Bus in Unter-Nodenbach ab. Sonntags soll der nächste fahren. Wieder um 13.23 Uhr.
Ich stehe auf, drehe und bücke mich gleichzeitig, um das Buch in den Rucksack zu stecken. Mit einem Mal wackelt und bebt alles. Hastig greife ich nach dem unbequemen Metallsitz. Das Buch fällt herab und springt umher, als wäre es ein Gummiball. Ich kauere mich zusammen und schließe die Augen. Die Tränen fließen sofort. Ich presse die Hände gegen die Augenhöhlen, wobei ich tunlichst die Ellbogen auf dem Haltestellensitz belasse, um mich zu stabilisieren. Da ist es: das prognostizierte Schwindelgefühl. Die Worte des Arztes schallen durch mich, als stünde er neben mir. Warum kommt das? War das nicht als viel späteres Symptom angekündigt? Und derart ausgeprägt fällt es aus? Nicht ein wenig Schwindel, dass man sich irgendwo festhalten muss, sondern so, dass alles bebt und wackelt. Das darf doch nicht wahr sein!
Es dauert, bis ich mich wieder gefangen habe. Wie lange? Es dunkelt schon. Die Luft schaut trüb aus. Ich spute mich nun und trete den Rückweg zur Öko-Hütte an. Vielleicht kommt der Vermieter-Eremit, um nach dem Rechten zu schauen. Er könnte mich in eine Stadt bringen. Hoffentlich geht der Strom an der Hütte, damit ich mein Handy aufladen kann. Denn morgen muss ich rechtzeitig an der Bushaltestelle sein. Am besten deutlich vor der geplanten Abfahrtszeit – es könnte ja sein, dass der Bus heute fünfzehn Minuten zu früh war.


*


Wie spät mag es sein? Auf jeden Fall vor 13 Uhr. Die Sonne hat ihren höchsten Stand noch nicht erreicht und mein Hunger fühlt sich nicht an, wie er mich zu einer späteren Stunde plagen würde. Ich esse mittags immer zwischen 12 und 12.30 Uhr. Verschiebt sich das Essen nach hinten, dann rumort mir der Magen. So viel zu Gewohnheiten und wie sie einen prägen – oder genauer, wie abhängig sie einen davon machen, dass die Üblichkeiten eingehalten werden. Sogar wenn ich mein Stück Schokolade am Nachmittag nicht bekomme, muss ich gegen eine aufsteigende Unzufriedenheit ankämpfen.
Der Rucksack steht wieder neben dem Gittersitz auf dem Boden. Durch Unter-Nodenbach bin ich durchgelaufen, ohne jemanden zu sehen. Wo sind sie alle? Gut, sonntags 12 oder 13 Uhr, da fällt mir viel ein, was man vernünftigerweise machen könnte: Mittagsschlaf für die Frühaufsteher. Beim Frühstück sitzen. Unter einer warmen Dusche stehen, weil man eben erst aufgestanden ist. Eine Dusche: Darauf freue ich mich.
Oder sind die Fantasien dazu, was andere Leute machen, Ausflüchte? Sollte ich mich dem stellen, was ich sehe, nämlich nichts: keine Menschen, keine Autos, keinen Bus? Wieder quetscht sich das kleinkarierte Gitter in die Haut meines Hinterns. Wie lange hocke ich hier schon und rede mir ein, dass die Leute gemütlich frühstücken oder einen herbstlichen Sonntagsausflug machen?
Was ist geschehen? Vor ein paar Monaten wurde in meiner Heimatstadt einmal ein Stadtteil evakuiert, um eine Weltkriegsbombe zu entschärfen. Könnte es so etwas sein? Und mich in der Eremiten-Hütte haben sie nur nicht gefunden. Hat es einen Atomunfall gegeben und alle sind geflohen? Wann hat das schreckliche Gewitter getobt. Mittwoch? Oder Donnerstag? Langes, immer wiederkehrendes Donnergrollen, drohende Wolken, die meine Hütte in Dunkelheit getunkt haben. Ewig hat es gedauert. Vor lauter Angst habe ich mich in das unbequeme Bett verkrümelt, den Schlafsack um mich gezogen und die Augen geschlossen. War das womöglich kein Gewitter? Habe ich Blitze gesehen? Irgendwann bin ich eingeschlafen. Beim Aufwachen hat bereits die Abenddämmerung eingesetzt.
Erst am nächsten Morgen bin ich wieder rausgegangen. Dann auch zur hochgelegenen Straße, wo man Netzempfang hat. Aber: Da war kein Netz. Ich dachte mir nichts dabei. Ein Fehler? Vermutlich. Damals habe ich es als Zeichen gesehen, endlich die Lust auf Nachrichten und Kontakt über Mails und Messenger-Dienste einzudämmen.
Die Sonne sinkt. Es wird merklich kühler. Der sich zwischenzeitlich eingestellte Hunger hat sich verzogen oder wurde durch das vorletzte Stück Schokolade, das mein kläglicher Restvorrat bietet, eingedämmt. Ich wuchte mir den Rucksack auf den Rücken und ziehe los: nicht zurück zur Hütte, sondern weiter die Landstraße entlang, um ein kurzes Stück später nach Ober-Nodenbach abzubiegen. Der zweite, geringfügig größere Ortsteil wächst getrennt durch eine Senke einen Hang hinauf und liegt in großen Teilen höher, als die kleine Ansiedlung Unter-Nodenbach es tut. Muss ich mich sorgen, weil es keinen Gehweg auf der Landstraße gibt? Sollte ich auf der linken Straßenseite gehen, wie das empfohlen wird? Nein, das wäre Unsinn. Es sind nur zwei- oder dreihundert Meter, ich werde gleich nach rechts abbiegen und es kommt ohnehin kein Auto.
Das Gasthaus am Ortseingang von Ober-Nodenbach ist verwaist. Ohnehin wäre dort nur am Wochenende Betrieb, wie das Schild mit den Öffnungszeiten kundtut. Aus einer Mülltonne riecht es unangenehm, ich ziehe weiter und klingele an manchen Türen. Niemand öffnet. Ich gehe mit langsamen Schritten das steile Stück zur hochgelegenen Straße hinauf. Oben biegt man nach rechts ab und schaut auf einzelne, sich aufreihende Häuser. Anders als in Unter-Nodenbach läuft die Straße geradlinig und alle Gebäude finden sich auf der einen Seite. Die andere gehört der Natur. Vermutlich hat das Baurecht verfügt, dass man nur hangabwärts von der Straße bauen darf. Oder es wurde schon immer nur dort gebaut: wegen der prächtigen Aussicht. Der Wald zur Linken rauscht sanft, als wollte er mich begrüßen. Von der rechten Straßenseite ist hingegen nichts zu vernehmen. Vermisst ein Wald die Menschen, die sich ihm sonst täglich zeigen? Wohl kaum. Vielleicht tun das die Tiere. Von ihnen sehe und höre ich keines, nicht einmal das Zwitschern eines Vogels ertönt.
Ich stelle in einer Einfahrt ächzend den Rucksack ab, klingele vergeblich an der nächstgelegenen Tür und traue mich ein paar Schritte weiter auf das Grundstück, um am Haus vorbei in die Ferne zu sehen: Eine bezaubernde Landschaft erstreckt sich vor meinen Augen, allerdings ohne jegliche menschliche Bewegung. Kein Auto, keine Wanderer, nicht einmal die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.
Danach klingele ich an allen Haustüren dieser Straße. Beim vorletzten kläfft ein Hund. Niemand öffnet. Am Ende lädt ein Wanderparkplatz dazu ein, das Auto stehen zu lassen und zu Fuß die schöne Landschaft des Odenwalds zu erkunden. Hier hat man den weitesten Blick. Oft bin ich in den letzten zwei Wochen von der anderen Seite hergekommen. Ich platziere den Rucksack auf einer der Bänke und starre nach Frankfurt. Es sieht aus wie sonst: Skyline vor grauem Himmel in weiter Ferne, trotz der diesigen Luft erkennbar.
Was mache ich jetzt? Es wird dunkel. Weiter herumirren? An mehr Haustüren klingeln? Nein, ich trotte zurück zur Hütte und werde wieder auspacken. Wie am Vortag. Durch den Ort gehe ich dabei nicht, sondern nehme den kürzeren Weg am ehemaligen Moor entlang und durch den Wald: die Strecke, die ich sonst auch gewählt habe. Das ist mit Gepäck auf dem Rücken lange genug.


*


Sie stehen alle in der Küche. Der Geruch von Speck hängt in der Luft und wird leider nicht vom Duft der Zitrone überlagert, die ich auspresse. Der Ofen, in dem der Auflauf zum Überbacken steht, surrt mal wieder. Irgendetwas in der Technik dadrinnen macht immer dann schwingend Geräusche, wenn man die Ofentür nicht superzärtlich schließt. Und wie schnell kommt das vor. Genauer gesagt, wie oft schaffen das die Männer in der Familie. Tobi, mein Jüngster, hat die Tür geöffnet, um zu schnuppern, und sie danach mit reichlich Schwung zufallen lassen. Jetzt surrt es, was die drei Jungs, die nach einer Woche wieder aufeinandertreffen, nicht in ihrem Gespräch stört.
Dass ich glaube, solche Dauergeräusche verschlimmern den Druck auf meinem Ohr, will ich nicht äußern. Ich weiß, was ich dann hören würde: »Sagt das der Arzt oder bildest du dir das nur ein?«
»Was gibt’s denn zu essen, Mama?« Lukas guckt über seine Brüder hinweg zu mir. Er ist nach wie vor der Größte. Vermutlich wird auch Tobi ihn nicht mehr einholen.
»Nudelauflauf mit Erbsen«, antwortet Tobi statt meiner.
»Wie früher!« Lukas grinst.
»Ne«, murrt Tobi. »Es riecht zwar ein bisschen nach Speck, aber früher war mehr Speck drin als heute.«
Die alte Leier. Die Jungs sollen froh sein, dass ich überhaupt irgendetwas aus Fleisch ins Essen tue. Ich will das eigentlich nicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich nur vegetarisch kochen. Leider geht es nicht nach mir.
»Dabei ist Protein wichtig«, meint Philipp, unser Mittlerer.
»In Erbsen ist auch Eiweiß«, sagt Lukas, womit er mir eine Antwort erspart.
Außerdem schluckt Philipp ohnehin Proteinpulver. Seit einem Jahr hat er sich in das Fitnessstudio verliebt. Am Anfang konnte ich von Besuch zu Besuch sehen, wie die Muskeln an ihm wuchsen. Jetzt hat er einen Stand erreicht, mit dem er hoffentlich zufrieden ist.
»Ich brauche eine Kreditkarte«, erzählt Lukas mehr seinen Brüdern als mir.
Ich bin an der Arbeitsplatte beschäftigt und richte Salat an. Davon werde wohl ich am meisten essen. Mein ältester Sohn will eine Asienreise machen, gemeinsam mit seiner Freundin, die er heute leider nicht mitgebracht hat.
»Kreditkarten sind mehr als albern. Das unsicherste Zahlungsmittel, das man sich vorstellen kann! Die reden von einer Zwei-Faktor-Authentifizierung, dabei kann man den ersten Faktor voll vergessen. Was soll denn das für ein Sicherheitssystem sein, bei dem auf der Karte das Passwort draufsteht?«
Die Jungs fangen eine Diskussion über Passwörter und Authentifizierungs-Apps an, die gut, schlecht, anwenderfreundlich, open source, mit oder ohne lokale Backup-Systeme und und und sind.
Warum, frage ich mich, steht ein Passwort auf der Kreditkarte? Ach ja, entweder er meint die Unterschrift, die man somit leicht fälschen kann, oder die Sicherungsnummer. Eigentlich hat er Recht. Das ist blöd. Trotzdem erstaunt mich die Empörung, mit der die Jungs nun über altmodische Zahlungsmittel und über Autoverleiher, die auf Kreditkarten pochen, sprechen.
Ich unterdrücke ein Seufzen. Hoffentlich wird das nicht den ganzen Abend so. Vor drei Wochen haben sie alle über meine Diagnose gesprochen. Da ging es um mich, obwohl es nicht viel anders ausfiel. Man kann über Tumore im Kopf der eigenen Mutter sprechen wie über gute oder schlechte Computerprogramme. Man kann Wahrscheinlichkeiten, genetische Veranlagungen und verursachende Umweltgifte diskutieren. Immerhin: Besser Umwelteinflüsse als Lebensstil, was letztlich sagen würde, dass man selbst schuld ist an Wucherzellen. Das Höchste der Gefühle war damals, dass mich alle drei – nein, stimmt gar nicht – dass mich die zwei, die zu Besuch waren, am Ende in den Arm genommen haben.
Habe ich etwas falsch gemacht bei der Erziehung meiner Söhne? Oder ist das eine unpassende Frage? Dann läge die Schuld ja wieder bei mir, so ähnlich wie bei der Auswahl zwischen Umweltgiften und Lebensstil.

*


Ich mache Touren durch Unter- und Ober-Nodenbach, bei denen ich an jeder Tür klingele und durch Fenster linse. Der Hund an der hochgelegenen Straße ist nicht im Haus, sondern in einem Zwinger dahinter. Die Ohren stehen spitz nach oben. Das Fell ist größtenteils in einem Braun gehalten, das auch ein Reh tragen könnte. Dazwischen scheinen weiße Sprengsel durch. Rund um die schwarze Schnauze und an der Stirn zeigt sich nur noch Weiß. Sobald ich in seine Sichtweite komme, bellt er zuerst, dann knurrt er mich an und danach winselt er herzerweichend. Ja, dieselbe Gefühlsmischung kenne ich. Unverständnis, Wut, Angst, Hilflosigkeit und der drängende Wunsch, dass jemand kommen möge, um mich zu retten. Ich fülle ihm Wasser aus einem Trog in einen Eimer, stelle es so hin, dass er durch die Gitterstäbe hindurch saufen kann. Nach einigen gierigen Schlappergeräuschen ist das Wasser weg. Er hat bestimmt Hunger. Genau wie ich. Der Schuppen lässt sich öffnen, aber Hundefutter gibt es da nicht.
Die Früchte eines Pflaumenbaums leuchten mich an. Er wächst im Garten in Hanglage, der ohne Abgrenzung in eine Wiese übergeht. Mein Magen knurrt. Frische Pflaumen! Noch leckerer wäre ein Pflaumenkuchen mit Sahne. Vor dem Urlaub hatte es das gegeben: mit Maria zusammen im Café. Ich bin nicht in der Situation, wählerisch zu sein. Mein Essen war für zwei Wochen ausgelegt. Gestern Abend habe ich mir das letzte Stück Schokolade genehmigt. Den Rest an Linsen kann ich nicht kochen. Es gibt keinen Strom.
Der Pflaumenbaum zieht mich an. Ich nehme die mit Unkraut bewachsenen Treppenstufen. Das Bellen des Hundes folgt mir wie ein Vorwurf. Diebstahl: So nennt man das, was ich gleich tun werde. Oder Mundraub. Hört sich nicht besser an. Ein Zittern befällt mich, als ich nach den tiefhängenden Früchten greife. Oder bebt die Erde als Mahnung, so wie der Hund es mit seinem Bellen versucht? Schlimmer: Ist das ein neuerlicher Schwindelanfall? Was immer es war, es ist vorbei. Ich reibe die Pflaume, schaue mich sicherheitshalber um. Beobachtet mich jemand? Das Einzige, was ich bemerke, ist grelles Licht in der Ferne hinter dem Wald. Was ist das? Spielen jetzt nicht nur das eine Ohr, sondern ebenfalls die Augen verrückt? Ich schlucke schwer, aber nein. Ich will nicht wieder einen Weinanfall wie an der Bushaltestelle bekommen. Die erste Hälfte der Pflaume wandert in meinen Mund. Süß und saftig, untermalt mit der fruchtigen Pflaumensäure. Sofort greife ich zur nächsten Frucht.


*

Die freundliche Kellnerin nimmt den Teller mit. Auf ihm finden sich noch die dunkelroten Spuren der Pflaumen und die weißen, cremigen Reste der Sahne. Alle zwei Wochen gönne ich mir ein Stück Kuchen mit Sahne: immer dann, wenn ich mich mit Maria im Café treffe. Öfter kann ich mir das nicht mehr leisten. Während des Studiums konnte ich jeden Tag Kuchen oder ein Schokocroissant essen, ohne dass sie sich als Fettpölsterchen an Bauch und Hüften wiederfanden. Das Teekännchen und meine Tasse lässt die junge Servicefrau stehen. Marias leeres Latte-Macchiato-Glas nimmt sie mit.
»Es ist schon halb sechs.« Maria schaut erschrocken auf. Sie schüttelt ihre Locken, die vermutlich erst vor ein paar Tagen eine frische kastanienfarbene Tönung bekommen haben. Die Armringe klimpern, als sie nach der farblich zu den Haaren passenden Tasche auf dem Stuhl neben sich greift. »Ich muss los, meine Liebe. Wir sind ja bereits über zwei Stunden hier. Es war toll. Wie immer. Du bist einfach die beste Freundin!« Sie steht auf und zieht ihre Jacke an: ein wunderbares rostrotes Teil, das sie weich umfließt, trotzdem nicht zu warm für die ersten Septembertage aussieht. Wie immer ist Maria mutig mit ihrem Outfit. Und sie beweist das richtige Gespür dafür. Der Rotton passt zum Kastanienbraun der Tasche. Hätte ich nicht gedacht.
»Und nach deinem Urlaub fahren wir in die Frankfurter Ausstellung, ja? Natürlich mit Café-Besuch im Anschluss. Ich muss ja wissen, wie es deinen Jungs geht und ob sich Luisa richtig entschieden hat.« Sie lacht, beugt sich zu mir und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Ihr schweres Parfüm umweht mich und verdrängt die Erinnerung an den Geruch des Pflaumenkuchens.
»Jetzt aber schnell«, ruft Maria und ist sofort weg.
Seit zwei Jahren kommt sie immer mit der Straßenbahn in die City gefahren. Der Umwelt zuliebe – oder vielleicht nur wegen des ökologisch aufgeladenen Zeitgeistes, bei dem sie nicht außen vor sein will. Sie wohnt, anders als ich, in einer teuren Gegend außerhalb der Innenstadt. Früher fuhr sie mit dem Auto, hat sich nicht um die Parkgebühren geschert – ebenso wenig um das Einparken oder Rangieren in zu engen Parkhäusern. Schon allein das würde mich davon abhalten, mit dem Auto in die Stadtmitte zu fahren. Ohnehin gibt es bei uns lediglich ein Auto, das zumeist mein Mann nutzt oder neuerdings unsere Söhne. Außerdem wohne ich zwar nicht so schick, kann dafür aber in die Innenstadt laufen.
Plötzliche Ruhe umgibt mich, die bloß eine gefühlte sein kann. An den Tischen rechts und links von mir wird weiter gesprochen, telefoniert und gelacht. Zur empfundenen Stille gesellt sich Traurigkeit – oder Enttäuschung. Warum?
Ich schenke den letzten Tee in meine Tasse und nippe daran. Nicht einmal lauwarm ist er. Der herb gewordene Kräutergeschmack sticht deshalb hervor.
So oft treffen Maria und ich uns. Seit Jahren. Ich weiß viel über sie. Und sie über mich. Oder? Stimmt das? Unwillkürlich greife ich zum Handy. Kurz einmal checken, ob Nachrichten eingetroffen sind. Immerhin habe ich zwei Stunden nicht draufgeschaut. Wird Norbert, mein Mann, gegen sieben oder später zum Abendessen da sein? Ich muss noch kochen.
Dann stocke ich. Ist es immer so, dass ich mich mit einem Griff zum Handy ablenke, wenn Gefühle aufkommen? Nein, ich entsperre jetzt nicht das Handy. Ich halte die Finger still, schaue auf die Pfütze kalten Tees in meiner Tasse und denke darüber nach, warum ich traurig bin und auf die aberwitzige Idee komme, dass Maria und ich doch nicht viel übereinander wissen.
Worüber haben wir die letzten Stunden gesprochen? Zuerst über ihren Chef, der den neuen Praktikanten in Marias Firma nicht mag. Maria hingegen findet ihn süß, weil er Sommersprossen und eine sportliche Figur hat. Dann hat Maria wie immer nach meinen Söhnen gefragt, war wie immer enttäuscht, dass Philipp mit keinem Mädchen ausgeht, wünscht sich, dass Tobi sein Abitur im nächsten Jahr ordentlich hinkriegt, und freut sich über Luisa, die Freundin von Lukas.
Auch ich freue mich über Luisa. Sehr sogar. Sie ist herzlich, hat mich gleich bei unserer ersten Begegnung in den Arm genommen, tut meinem ältesten Sohn sichtlich gut und hat eine nette Stupsnase, die sie gerne an von mir herbeigewünschte Enkelkinder vererben dürfte. Andererseits bin ich mir nicht so sicher, wie Maria es zu sein scheint, was für Luisa die richtige Entscheidung wäre. Luisa studiert Ethnologie in München. Sie ist dabei erfolgreich und die Schwerpunkte an der Münchner Uni sind genau das, was sie interessiert. Jetzt überlegt sie, ob sie an die Mainzer Uni wechseln sollte – Lukas zuliebe. Nach Mainz könnte sie von hier aus pendeln, allerdings würde sich die Ausrichtung des Studiengangs ändern. Wäre sie nicht meine potentielle Schwiegertochter, würde ich ihr davon abraten, nur das für sie Zweit- oder Drittbeste zu wählen wegen einer Liebe in jungen Jahren, die erst wenige Monate besteht. Für Maria ist die Sache simpler: Luisa ist verliebt, will daher in der Gegend bleiben. Lukas würde sich freuen. Ich würde mich freuen. Also soll sie bleiben.
Über Marias Sohn reden wir nie. Gelegentlich wage ich eine Frage, aber Maria winkt regelmäßig ab. »Ach der«, sagt sie dann. »Der ist jetzt versorgt und muss sich halt berappeln.« Ihr Sohn hat sich mit 15 in Drogen verrannt. Erst waren es nur Joints, später Härteres. Mittlerweile ist er bei einer Suchthilfeeinrichtung, wohnt und arbeitet dort. Ein cooles Projekt, was ich allerdings nur aus dem Internet weiß. Maria spricht nicht darüber.
Weitaus mehr erzählt Maria vom fortschreitenden Alter ihrer Mutter sowie einer Tante ihres Mannes. Darüber weiß ich so gut wie alles. Selbst das, was die Nichte von Marias Mann zu Rollatoren und Notrufsystemen sagt.
Über meine Diagnose haben wir nur wenig gesprochen. Für Maria war wichtig, dass es weder Chemo- noch Strahlentherapie geben soll. Und dass eine OP zurzeit nicht angesagt ist. Ja, das ist eine gute Nachricht. Bis darauf, dass mir das rechte Ohr pausenlos mitteilt, dass in mir etwas nicht stimmt.


*


Heute Nacht – in der Hütte im Wald, die mir einsamer vorkommt als früher – habe ich von dem Hund geträumt. Aus Augen in der Farbe von dunklem Bernstein hat er mich angeschaut und mit dem Schwanz gewedelt, der anders als das restliche Fell etwas länger ausfallende Haare abbekommen hat. Gleich beim Aufwachen habe ich mir vorgestellt, wie hungrig er sein muss. Genau wie ich.
Jetzt stehe ich wieder vor dem Hundezwinger. Die Augen haben tatsächlich die Farbe von glänzendem Braun – wie Bernstein. Sie schauen mich flehentlich an. Das Winseln wird weinerlicher. Ein Knurren gibt es gar nicht mehr. Ich streife den Rucksack ab. Der Zwinger ist mit zwei simplen Riegeln verschlossen. Jeder könnte ihn öffnen. Was geschieht, wenn ich den Hund rauslasse? Fällt er über mich her? Frisst ein Hund im Zweifelsfall einen Menschen, sobald ihn ausreichend Hunger plagt? Oder haut er sofort ab und lässt einen mit der Furcht vor einem freilaufenden Köter zurück?
Wie gut, dass niemand meine Ängste mitbekommt. Vermutlich würde jeder Hundekenner darüber lachen. Von Hunden habe ich keine Ahnung.
Eines steht fest: Ich öffne nicht den Zwinger, solange er hungrig ist. Ich drehe mich zum Wohnhaus. An der Vordertür habe ich mehrfach geklingelt und gezerrt. Sie öffnet sich nicht. Die rückwärtige Tür ist ebenfalls verschlossen. Ich ziehe mit abschätzenden Blicken um das Haus. Die Polizei-Kollegen meines Mannes regen sich oft darüber auf, wie nachlässig die Leute ihr Einfamilienhäuschen sichern, wie schwach die Fenster sind, wie einladend sie auf Einbrecher wirken. Die Bewohner dieses Hauses haben da wohl zugehört – oder es ging ihnen um eine gute Wärmedämmung. Es sieht nach mehrfach verglasten Fenstern mit Einbruchsschutz aus. Vielleicht sogar mit Pilzkopfzapfenverriegelung. Solche Worte kennt man, wenn man Polizei-Freunde hat.
Ich entscheide mich für ein Holzscheit und ein Kellerfenster, das anders als die Fenster im Wohnbereich einfach verglast ist. Mann, ist das laut! Instinktiv greife ich an mein rechtes Ohr, um es vor dem Krach zu schützen. Sonst juckt das Geschepper niemanden. Kein Blaulicht taucht auf. Kein Nachbar guckt vorbei. Nicht einmal der Hund bellt, obwohl er mich bei der Tat beobachtet. Ich schlage die Scheibenreste weg, komme an den Fenstergriff heran und öffne. Dann schlängele ich mich hindurch und stehe gleich darauf zum Glück nicht in Spinnenweben und alten Kisten, sondern in einer sauberen Waschküche, deren einzige Unordnung herumliegende Scherben sind. Bettwäsche hängt längst getrocknet auf Wäscheleinen und riecht nach Persil. Bunte Blümchen strahlen mir entgegen.
»Hallo?«, rufe ich. Ganz oft. Mein Herz pocht. Ich gehöre nicht hierher. Ich darf hier nicht sein. Ich schleiche aus der Waschküche heraus.
Ein dunkler Gang. Seitlich gehen Türen ab. Sobald ich die erste öffne, kommt Licht herein. Schließlich zeigt sich hinter einer weiteren Tür die Treppe nach oben.
»Hallo? Entschuldigung, nicht erschrecken.« Was man halt ruft, wenn man sich wie ein Einbrecher verhält, aber keiner sein will.

© Maika Adam – alle Rechte vorbehalten.
www.maika-adam.de

Fortsetzung gewünscht?

Die unfreiwillige Eremitin ist eine verlängerte Version der Kurzgeschichte Die Öko-Eremiten-Hütte aus dem Erzählband Postapokalypse oder: endlich befreit?